Inzwischen ergreift die EU zahlreiche Maßnahmen, um die Reduzierung von Kunststoffabfällen und die Förderung von Recycling voranzutreiben. Noch besser wäre es allerdings, Kunststoffe trotz all ihrer Vorteile – sie sind leicht, hygienisch, verhältnismäßig kostengünstig und langlebig – gar nicht erst herstellen zu müssen. In Hamburg forschen zahlreiche Startups an umweltfreundlichen Alternativen. Hamburg News hat einige Beispiele zusammengetragen und skizziert ihre Bedeutung.
„Bis 2030 sollen alle auf dem EU-Markt in Verkehr gebrachten Kunststoffverpackungen wiederverwendbar sein oder kosteneffizient recycelt werden können.“ – So sieht es die EU-Kunststoffstrategie vor. Zudem sollen nicht recycelbare Stoffe aus Verpackungen verbannt werden. Hintergrund sind zu niedrige Recyclingquoten. Von den rund 25,8 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen, die laut Europäischer Kommission jedes Jahr in Europa entstehen, landen nicht einmal 30 Prozent im Recycling. Stattdessen gelangen in der EU jährlich 150.000 bis 500.000 Tonnen an Kunststoffabfällen im Meer. Auch deshalb ist Anfang Juli 2024 eine EU-Verordnung in Kraft getreten, nach der Verschlüsse und Deckel von Getränkebehältern fest mit dem Getränkebehälter verbunden sein müssen, sofern sie aus Kunststoff sind. Denn lose Verschlusskappen zählen zu den zehn Kunststoffabfallarten, die sich am häufigsten an EU-Stränden finden.
Umweltfreundliche Geschäftskonzepte aus Hamburg
Camm Solutions & Gooden
So haben die Köpfe hinter Camm Solutions einen neuartigen Kunststoff entwickelt, der wasserlöslich und biologisch abbaubar ist und vor Kurzem einen mikroplastikfreien Becher zur Marktreife gebracht (Wir berichteten). Auch die pflanzenbasierte Sportkleidung von Gooden soll vollständig kompostierbar sein. Die Tanktops und T-Shirts des Hamburger Startups bestehen anteilig aus sogenanntem Seacell, einer Mischung aus Holzfasern und Algen. Der Vorteil des Meeresprodukts: Sie enthalten Vitamine, Spurenelemente, Aminosäuren und Mineralien, die durch die Faser an die Haut abgegeben werden. Vor allem aber reduzieren die biologischen Fasern den Anteil von Schadstoffen in der Umwelt. Denn gerade bei Sportbekleidung haben sich synthetische Fasern durchgesetzt, wie etwa Polyester. Das Material ist leicht, trocknet schnell und ist strapazierfähig. Der Nachteil: Beim Waschen lösen sich Mikroplastikpartikel und gelangen über das Abwasser in die Umwelt. Unter Mikroplastik werden Kunststoffpartikel und -fasern von einer Größe von ein bis zu fünf Mikrometern verstanden. Kläranlagen können die winzigen Teile nicht vollständig aus dem Wasser herausfiltern. Landen also Mikroplastikpartikel im Meer, gelangen sie über die Nahrungskette der Meeresbewohner letztendlich auf unsere Teller.
Runamics & Recyclabs
Auch Runamics produziert Sportkleidung aus biologisch abbaubaren Fasern – und setzt bei der Herstellung auf Kreislauffähigkeit. Das Hamburger Startup arbeitet nach dem Cradle-to-Cradle-Konzept von Prof. Michael Braungart. Dabei stehen die Verwendung von chemisch unbedenklichen Stoffen, eine Reinerhaltung des verwendeten Wassers, der Einsatz von regenerativen Energien sowie die Einhaltung von sozialen Standards bei der Produktion im Fokus. Das Ziel: Aufgetragene Sportkleidung soll am Ende nicht zu Müll, sondern im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu neuer Kleidung werden.
Auf ein chemisches Verfahren, um bislang nicht recyclebare Kunststoffabfälle in den technischen Kreislauf zurückzuführen, setzt wiederum das Hamburger Startup Recyclabs. Ihr Ansatz qualifizierte sich im vergangenen Jahr für das Hamburger Förderprogramm Calls for Transfer und überzeugte die Jury des Hamburg Innovation Awards 2022. Dabei wird mechanisch nicht mehr recycelbarer PET-Abfall (Polyethylenterephthalat) durch ein chemisches Verfahren zunächst in einzelne Bausteine zerlegt, um in einem weiteren Schritt zu neuem, hochreinen PET umgewandelt zu werden.
Biotech-Startup Lignopure
Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es, Materialien so lange wie möglich zu nutzen, sie wiederzuverwenden, zu reparieren und zu recyceln und somit Abfälle zu reduzieren. Doch auch Abfälle haben noch ihren Wert. Das Biotech-Startup Lignopure, eine Ausgründung der Technischen Universität Hamburg, setzt auf den natürlichen Rohstoff Lignin, der als Nebenprodukt in Bioraffinerien oder der Papier- und Zellstoffindustrie anfällt. Mit ihrer patentierten Technologie wird aus Abfall ein wertvoller Bestandteil für beispielsweise Kosmetikprodukte, der über eine antioxidative und UV-schutzsteigernde Wirkung verfügt – und statt verbrannt zu werden, in den Produktionskreislauf zurückgeführt wird.
Wildplastic & Traceless
Das Hamburger Startup Wildplastic verfolgt einen globalen Ansatz, um Plastikmüll zurück in zirkuläre Produkte zu verwandeln. Das Team um Mitgründer Christian Sigmund produziert Müllbeutel und Verpackungen aus sogenanntem ‚wildem Plastik‘, das in Ländern gesammelt wird, in denen es keine umfassenden Recyclingstrukturen gibt. Der Ansatz überzeugte der Versandhändler Otto, der seit Anfang des Jahres komplett auf Versandtüten von Wildplastic umgestellt hat. Auch das Bioökonomie-Startup Traceless, das auf Kunststoffersatz auf Pflanzenbasis setzt, kooperiert mit Unternehmen wie Otto, Lufthansa oder C&A und konnte im Juni 2024 einen weiteren Erfolg vermelden. Die Gründerinnen kooperieren mit dem international agierendem Verpackungs- und Papierhersteller Mondi, der bei der Papierbeschichtung zukünftig auf das kompostierbare Material setzen will. Nach dem erfolgreichen Abschluss einer Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 36,6 Millionen Euro hat Traceless 2024 mit dem Bau seiner ersten großtechnischen Produktionsanlage in Hamburg begonnen, um die Industrialisierung der Technologie voranzutreiben. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz mit rund fünf Millionen Euro gefördert.
Ob es nun maßgeblich an den vielfältigen, klugen Ideen von Hamburger Gründer:innen liegt oder nicht, auf jeden Fall weist die Abfallstatistik für Kunststoff in der Hansestadt in die richtige Richtung: Waren es 2019 noch 740 Tonnen, hat sich das Kunststoffaufkommen im Jahr 2022 bereits mehr als halbiert – auf 328 Tonnen.
ys/sb