Künstliche Intelligenz

Zukunftsforschung aus Hamburg – die Welt im Jahr 2040

3. April 2025
„Wir werden in Gaming-Sesseln und Maker Spaces arbeiten“, so die Hamburger Zukunftsforscherin Birgit Gebhardt. Worauf wir uns sonst noch einstellen sollten

Sie war Geschäftsführerin von Peter Wippermanns Trendbüro in Hamburg. Jetzt ist Birgit Gebhardt als Zukunftsforscherin, Beraterin und Speakerin weltweit gefragt. Wir beamen uns mit ihr kurzerhand ins Jahr 2040.

Hamburg News: Sind in dieser volatilen Welt der Zeitenwende und disruptiven Ereignisse Prognosen über die Zukunft überhaupt noch möglich?

Birgit Gebhardt: Sie sind umso nötiger. Weil wir verstehen müssen, wie Gegenwart sich verändert. Zum Beispiel durch künstliche Intelligenz (KI). Da scheint es ein neues Werkzeug für viele Herausforderungen zu geben, gleichzeitig fürchten wir uns vor diffusen Konsequenzen. Zukunftsforschung versucht, mittels Expertise aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur ihren Blick möglichst angstfrei auf neue Potenziale zu richten, Entwicklungen gesellschafts- und branchenübergreifend vernetzt zu denken und dabei globalkapitalistische Kräfte zu berücksichtigen. In partizipativen Verfahren arbeitet man eher mit ‚wünschenswerten Zukünften‘. Das birgt allerdings die Gefahr, sich in der Gegenwart zu verstricken.

„Das Büro der Zukunft ist ein Maker Space"

Hamburg News: Du beschreibst in deinem neuen Buch „Future Pics“ die Welt im Jahr 2040. Was erwartet uns, auf welche Entwicklungen sollten wir uns einstellen?

Gebhardt: In meinem literarischen Kopfkino beschreibe ich, was Arbeit für unser Leben in Zukunft bedeuten kann: im Konzern, in der Behörde, im Handel, in der Familie, an der Uni, in der Klinik – ja sogar im Flüchtlingslager. Überall geht es um Kommunikation und Vernetzung: als humane Unterstützung, als Serviceleistung, als Geschäftsmodell. Ich sehe 2040 als eine Welt, in der alles spricht: Menschen, Maschinen, Roboter, Bots, Sensoren – und es wird unsere Aufgabe sein, die Kommunikation so zu gestalten, dass alles auch ‚richtig‘ verstanden wird.

Hamburg News: Welche Skills brauchen wir, um in der Zukunft gut leben zu können?

Gebhardt: Wir brauchen Neugier, Mut und eine Art Studium Generale mit körperlichem Bezug zu unserer Umgebung. Schlichtweg ein permanentes Training in Erfahrungen, um breites Erfahrungswissen aufzubauen und uns in Soft Skills und kritischem Urteilungsvermögen zu üben. Um Risiken vorauszuberechnen, werden wir viel mit digitalen Zwillingen simulieren und um wirklich etwas Neues zu entwickeln, werden wir spielerischer interagieren – teils im Gaming-Sessel, teils gemeinsam am Produkt. Das Büro der Zukunft wäre eine Art Akzelerator oder Maker Space, wo mit Zulieferern und Endkonsumenten um die beste Lösung gerungen wird.

Zukunftsforscherin Birgit Gebhardt
Zukunftsforscherin Birgit Gebhardt

„Das unterscheidet uns von der KI"

Hamburg News: Es soll Menschen geben, die lassen sich einfrieren, um sich in ein paar Hundert Jahren wieder auftauen zu lassen. Du musst es wissen. Lohnt sich der Aufwand? Was sind die erstaunlichsten Erkenntnisse deiner Forschung?

Gebhardt: Eigentlich die Erkenntnis, dass Menschen einzigartig sind und wir dieser Einzigartigkeit jetzt erst gerecht werden können.

Hamburg News: Jetzt bin ich gespannt ...

Gebhardt: Unser natürlicher Lerntrieb, unsere Neugier, Fantasie, unsere Verbindung aus Geist und Körperlichkeit, Biochemie und Gefühlswelt, Selbstbewusstsein und Erfahrungswissen unterscheiden uns von der KI. Das ist sehr komplex und nicht so leicht zu klonen. Zurzeit dreht sich alles um künstliche Intelligenz, dabei wissen wir unfassbar wenig über unsere natürliche Intelligenz. Unser System setzt auf Durchschnittlichkeit, um nahezu alle bedienen zu können. Ein Notendurchschnitt taugt heute aber ebenso wenig zur Entwicklung wie eine Zuwendung, die per Gießkanne ausgekippt wird. Wir könnten viel mehr leisten, wenn wir über ein digitales Ökosystem auf individuelle Förderung und Versorgung setzen und jedem über seine besonderen Fähigkeiten soziale wie ökonomische Teilhabe ermöglichen. 

„Hamburg schätze ich, weil es Wirtschaft und Soziales zusammenbringt"

Hamburg News: Du lebst ja vermutlich nicht grundlos in Hamburg. Wie zukunftsfähig ist die Hansestadt?

Gebhardt: Offen gesagt, lebe ich wegen meiner Liebe hier und hätte zu Hamburgs Zukunftsfähigkeit auch noch ein paar Ideen. Meine Kunden kommen aus dem gesamten DACH-Raum. Zu Vorträgen war ich kürzlich in Riad und Tokyo, und für meine Studien reise ich zum SXSW-Festival nach Austin, ins Silicon Valley, nach Peking oder Skandinavien. Hamburg schätze ich, weil es Wirtschaft und Soziales zusammenbringt, z.B. mit dem Bündnis Wohnen, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. An anderer Stelle erliegt Hamburg dann wieder selbst seiner Wunschzukunft, z. B. wenn es um das Primat des Hafens geht. Aber es gibt viele gute Initiativen und auch Raum für offene Diskussionen.

Hamburg News: Vielen Dank für die spannenden Einblicke.

Das Interview führte Karolin Köcher

kk/mm/sb

Quellen und weitere Informationen

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